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Formelle Kleidung und Lebensalter

„Wenn man mich fragt, warum besonders gut gekleideten jungen Leuten eher mit Missgunst begegnet wird“, so stellt Nicholas Antongiavanni in seinem Jahrhundertwerk „The Suit“ so treffend fest, „ komme ich zu dem Schluss: die Antwort ist Neid.“ Nun, das sind starke Worte. Aber es ist etwas wahres daran. Wer sich als junger Schulabgänger im Bankenviertel in dreiteiligem Nadelstreifenanzug (am besten noch maßgeschneidert), konservativer Regimentskrawatte und mit messerscharf gefaltetem Einstecktuch zeigt, wird ungeheuer smart aussehen, vor allem, wenn die passenden Manschettenknöpfe das Outfit komplettieren. Das Urteil lautet dennoch: „Oh, ein Hochstapler!“

Das ist, gelinde gesagt, etwas unfair. Letztlich bestimmen die Körperproportionen, was an einem Menschen gut aussieht und was nicht. Und die sind meist gerade bei den etwas jüngeren Menschen etwas ausgewogener. Dennoch gibt es starke Vorbehalte. Nicht jeder mag es, von einem Jüngeren überflügelt zu werden, und sei es auch nur optisch. Der fünfundsechzigjährige Angestellte im Maßanzug mit Einstecktuch erntet vom Chef bewundernde Blicke. Der Auszubildende im gleichen Anzug stößt sofort auf eine Front der Ablehnung. Die Frage ist also nicht nur: was sieht gut aus? Sie lautet auch: wie gut darf ich hier aussehen?

Das kann natürlich in manchen Unternehmen zum Problem werden. Wer etwa für ein Unternehmen wie Facebook arbeitet, hat es schwer, nicht eleganter zu wirken als der Chef. Immerhin wurde Firmengründer Mark Zuckerberg wiederholt zum am schlechtesten angezogenen Mann der Businesswelt gewählt. Und Sie müssen sich natürlich auch nicht völlig verbiegen. Aber ein paar Grundregeln sind nicht das Problem. Lässt Ihr Chef die Krawatte weg, brauchen Sie auch keine, außer vielleicht im Kundengespräch. Einstecktücher sind ungeheuer elegant, aber ins Geschäftsleben passen sie höchstens in der Modebranche.

Ist der allgemeine Dresscode eher auf Jeans und T-Shirt ausgelegt, wird Ihnen einen ungefütterten Blazer dennoch niemand übelnehmen. Oft verschafft Ihnen auch die Tätigkeit selbst ein wenig mehr modischen Spielraum. Wer als Kreativer angestellt ist, muss eher aufpassen, dass er nicht zu anonym im Gewirr der Mitarbeiter untergeht. Die klassische Uniform von schwarzem Rollkragenpullover mit oder ohne Jackett darüber kommt nicht von ungefähr: Die Mischung steht irgendwo zwischen Casual und Geschäftskleidung und entzieht sich damit jedem Dresscode.

Wohlgemerkt: das gilt vor allem im professionellen Sektor. Wer sich privat in Schale wirft, muss solche Details weniger beachten. Aber auch dort kann das Alter eine Rolle spielen. Zwar kann man prinzipiell alles tragen, aber es wirkt je nach Träger sehr unterschiedlich. Als Grundregel kann gelten: je jünger der Träger, desto eleganter wirkt das Outfit – leider mitunter auch ein wenig übertrieben. Das kann gewollt sein, wenn Sie gerne im Mittelpunkt stehen. Das weiße Einstecktuch, dass beim ausstaffierten Rentner im dunklen Anzug geradezu erwartet wird, ist beim frischen Schulabsolventen ein relativ starkes Modestatement, ebenso die blitzenden Manschettenknöpfe. Und mal im Ernst, umgekehrt würden Sie einen 80-Jährigen im Kapuzenpulli und zerrissenen Jeans auch nicht besonders elegant finden, oder?

Wer sich gar an solche klassischen Dekorationen wie eine Boutonniere wagt, gilt schnell als eingebildeter Schönling, wenn er diesen Look nicht mit der gebotenen Selbstverständlichkeit durchziehen kann. Das soll aber niemanden davon abhalten, es zu versuchen. Denn die Blume im Knopfloch ist ein hervorragender Gesprächseinstieg und lässt sie aus der Masse heraustreten. Und, mal ganz im Vertrauen – die Frauen stehen drauf...

Denn das ist der Schlüssel: nicht um geckenhaftes Herausputzen geht es, sondern um Understatement und Sprezzatura. Der perfekte Gentleman wird optisch die Botschaft senden: „Ich kann nichts dafür, dass ich gut aussehe. Leider habe ich nichts zum Anziehen außer perfekter Kleidung.“

Veröffentlicht in der Kategorie: Mode-Blog