Es wurde das "weiße Gold des Orients" genannt. Mit Gold aufgewogen. Das Seidengewebe galt lange Zeit als eines der kostbarsten Materialien unter der Sonne. Das Garn, aus dem der Seidenspinner seinen Kokon webt, bildet den Rohstoff für einen der begehrtesten Stoffe. Streng wurde über das Geheimnis seiner Herstellung gewacht. So stand auf das Verbrechen, Seidenraupen außer Landes zu bringen, im alten China die Todesstrafe. Denn da man größtenteils vom Seidenhandel lebte, wollte man sich dieses Geschäft natürlich nicht zerstören lassen.
Der Legende nach ließen sich zwei persische Mönche im 5. Jahrhundert davon nicht abschrecken und brachten einige Eier des Seidenspinners im Knauf ihrer Wanderstäbe nach Byzanz, das damals das Zentrum der spätantiken Welt darstellte. Ob diese Legende einen wahren Kern hat, sei dahingestellt, ein paar Jahrhunderte später jedenfalls war Italien das Zentrum der Seidenverarbeitung. In den Städten Como und Lucca entstand eine blühende Seidenindustrie. Später verlagerte sich der Handel in die reiche Metropole Venedig.
Wer es sich leisten konnte, hüllte sich schon immer in edle Stoffe. Seide wurde zum Synonym für Luxus und gediegene Eleganz. Kein Wunder, dass sie über die Krawatte auch Einzug in die Herrenmode hielt. Denn das Material war überraschend flexibel. Es ließ sich bedrucken, färben und in aufwändigen Mustern weben. Spätestens seit Erfindung des Jaquardwebstuhls gab es kaum noch ein Muster, dass man nicht in Seide produzieren konnte.
Und nun fing die Seide auch an, eine der letzten Bastionen grober Leinenstoffe zu erobern. Das Taschentuch aus gestärktem weißen Leinen, das der stilbewusste Mann in der Brusttasche zu tragen pflegte, wurde zum dekorativen Einstecktuch in bunten Seidenmustern. Denn als Gebrauchsgegenstand hatte sich das Stecktuch längst überlebt. Das Stofftaschentuch trug man nun, wenn überhaupt, höchstens noch in der Innentasche.
Ob mit geschäftsmäßigen Streifen, verspielten Paisleys oder seriösen Tupfen, erst das seidene Einstecktuch rundet das Outfit ab und veredelt jeden Anzug. Denn auch wenn es immer bessere Kunstfasern und Mikrofaserstoffe gibt, nur Seide hat den charakteristischen Seidenglanz. Und es lässt sich nicht bestreiten, dass das Einstecktuch inzwischen wieder schwer im Kommen ist.
Dabei ist es wichtig, Einstecktuch und Krawatte optimal aufeinander abzustimmen. Das geht am einfachsten mit Tuch und Binder in identischem Design. Möchten Sie etwas mehr stilistische Finesse beweisen, kombinieren Sie farblich passend verschiedene Muster. Auch extreme Gegensätze können hier manchmal ganz reizvoll wirken.So gibt ein seidenes Paisley-Einstecktuch einem groben Tweedsakko Eleganz, und ein schlichtes gestreiftes oder gar einfarbiges Tuch entschärft eine allzu laute Krawatte. Manch einer wagt gar das früher Undenkbare und lässt die Krawatte ganz weg, um dafür umso mehr über sein Einstecktuch zu glänzen.