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Nicht ganz ein Einstecktuch

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Kleine Geschichte des Taschentuchs

Ein Gentleman übertreibt nicht. Ein Gentleman gibt nicht an. Und ein Gentleman verzichtet auf unnützen Zierrat, der keinerlei Funktion erfüllt. Wie kommt es dann, dass mit dem Einstecktuch ein scheinbar unnützes Stück Stoff Eingang in die konservativsten Bastionen der klassischen Herrenmode gefunden hat?

Das Einstecktuch kann seine Herkunft aus dem Taschentuch nicht verleugnen. Und als solches war es zuvorderst kein Zierrat, sondern ein Gebrauchsgegenstand. Schon im alten Rom waren Tücher in Gebrauch, mit denen man sich in erster Linie den – bei dem heißen römischen Klima reichlich fließenden – Schweiß abwischte. Sudarium nannte sich diese Kreation, von lateinisch Sudor, was soviel bedeutet wie Schweiß. Auch Servietten bzw. Mundtücher kamen schließlich in Mode. Gefertigt waren die Tücher zumeist aus Leinenstoffen.

Versuche, das Taschentuch als Gebrauchsgegenstand zu etablieren, waren im Hochmittelalter nicht besonders erfolgreich. Das Drapesello panetto di naso (einfaches Tuch zum Naseputzen), dessen Erfindung dem flandrischen Weber Baptiste Chambray zugeschrieben wird (nach ihm wurde später der Stoff Batist benannt), war nur sehr vereinzelt in Gebrauch.

Klassischerweise schnäuzte man sich eher in die Finger, die man hinterher an der Kleidung abwischte. Adel und gehobenes Bürgertum nahmen hierfür als Zeichen ihrer Manieren lediglich Daumen und Zeigefinger der linken Hand.

Als Erasmus von Rotterdam 1529 sein beliebtes Benimmbuch De Civilitate herausgab, beschrieb er das Taschentuch als selbst in der Oberschicht nur selten in Gebrauch. Der große Gelehrte sah den Nutzen des kleinen Stückchens Stoff offenbar anders. Zu einer Zeit, als das Tuch noch ein absoluter Luxusartikel war, besaß Erasmus nicht weniger als 39 Taschentücher.

Selbst als das Taschentuch sich langsam verbreitete, war es zunächst mehr zierendes Accessoire als Gebrauchsgegenstand. Lediglich als Schweißtuch wurde es, ähnlich der römischen Tradition, noch benutzt. Das änderte sich erst, als im 18. Jahrhundert eine neue Modeerscheinung auftrat: der Schnupftabak .Denn nun war es auf einmal nicht mehr praktikabel, sich in die Finger zu schnäuzen. Die Nasentücher erlebten eine Renaissance. Zudem gab es eine Veränderung, die die Entwicklung zum Ziertuch begünstigen sollte: um die unschönen Tabaksflecken zu verbergen, wurden die Taschentücher oft sehr bunt. Getragen wurden Sie zumeist in der Hand, oder bei Damen der feinen Gesellschaft auch im Dekolleté.

Das Taschentuch seiner Angebeteten im Knopfloch zu tragen, war vor allem bei jungen Männern des Biedermeier eine beliebte Mode. Man könnte hierin fast den Vorläufer des dekorativen Ziertuchs sehen. Doch auch praktischeren Zwecken diente das Stoffstück: so wurden zum Beispiel im Deutsch-Französischen Krieg 1870 etwa Taschentücher mit aufgedruckten Anleitungen zur Gewehrreinigung an Soldaten verteilt.

Was als Luxus und Statussymbol begann, wurde mit Erfindung der Spinnmaschine und des mechanischen Webstuhls endgültig erschwinglich und damit gebräuchlich. Auch das wachsende Hygienebewusstsein trug zum Erfolg dieses kleinen Stückchens Stoff bei. Schon nach wenigen Jahrzehnten gehörte es für den Gentleman von Welt zum guten Ton, nicht eines, sondern mindestens drei Taschentücher bei sich zu tragen. Eines dekorativ in der Brusttasche, eines unauffällig in der Hosentasche, falls er sich doch einmal schnäuzen muss, und ein sauberes und gebügeltes, um es im Bedarfsfall der Dame in seiner Begleitung anbieten zu können.

Zudem bot dieses Reservetuch eine willkommene Flirtmöglichkeit, hatte man doch einen Vorwand, die ame zu besuchen, um sich sein frisch gewaschenes Taschentuch wieder abzuholen.

Der Niedergang des Stofftaschentuchs begann, als 1894 der Göppinger Papierfabrikant Krum ein Taschentuch aus Papier zum Patent anmeldete. Es handelte sich im Prinzip um ein normales Blatt Papier, das mit Glycerin getränkt wurde, um es geschmeidig und weich zu machen. Etwa dreißig Jahre später löste Zellstoff das etwas sperrige Papier ab. Die günstigere Herstellung und die hygienischere Handhabung (immerhin sollte man ein Papiertaschentuch nach einmaligem Gebrauch entsorgen) machten es schnell zum erbitterten Konkurrenten des Taschentuchs aus Leinen oder der inzwischen sehr viel verbreiteteren Baumwolle.

Auch wenn manche konservativen Herrenmodeanhänger dem Stofftaschentuch nachweinen: ein Gutes hatte sein Rückzug. Denn nun war das Tuch in der Brusttasche nicht mehr an praktischen Gebrauchswert gebunden. So löste bald glänzende Seide in kräftigen Farben oder raffinierten Mustern das klassische Weiß ab. Als rein modisches Accessoire wird es mit der Krawatte abgestimmt und wertet jeden Anzug enorm auf.

Aber widerspricht das nicht dem eingangs erwähnten Grundgedanken, dass dem Gentleman nutzloser Zierrat fremd ist? Nein, ganz und gar nicht. Denn auch das Einstecktuch in der Brusttasche darf – und soll – benutzt werden. Nicht um sich zu schnäuzen. Aber zu weniger schmutzintensiven Aufgaben wie dem Putzen einer Brille oder dem Polieren einer Armbanduhr ist es hervorragend geeignet. Allerdings nur, wenn Sie erst einmal die Kunst erlernt haben, es nach Gebrauch mühelos wieder so in Ihre Tasche zu drapieren – und das auch ohne Zuhilfenahme eines Spiegels -, dass es genauso elegant aussieht als hätten Sie es gerade erst zu Hause arrangiert.

Veröffentlicht in: Mode-Blog

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