In unserer heutigen hygienebesessenen Zeit kann man sich kaum noch vorstellen, dass man sich noch vor wenigen Jahrhunderten, wenn man das Bedürfnis spürte, sich zu schnäuzen, dafür einfach den Hemdsärmel benutzte - oder gleich die hohle Hand. Uns scheint heutzutage schon das gute alte Stofftaschentuch vergangener Tage zumindest verdächtig.
Dabei war es zur Zeit seines Aufkommens im 18. Jahrhundert ein riesiger Fortschritt. Es lässt sich nur spekulieren, wie stark das Aufkommen des Schnupftuches die Ausbreitung von Erkältungskrankheiten eingeschränkt hat. Man trug gerade in besseren Kreisen ein Taschentuch bei sich. Natürlich, um entsprechenden Bedürfnissen nachzukommen, aber vor allem auch, um sich vom gemeinen Volk abzugrenzen, das derartige Finessen noch nicht übernommen hatte. Zudem war das gute Stück bestens geeignet, um sich den Schweiß abzutupfen.
Als schließlich das Tabakschnupfen in Mode kam, wurden die Taschentücher zunehmend bunter und waren oft sehr farbenfroh gemustert. Einziger Grund war zunächst, dass man die wenig appetitlichen Tabakreste nicht auf den ersten Blick erkennen konnte.
Es dauerte nicht mehr lange, und das Taschentuch war zum unverzichtbaren Modeartikel geworden. Der Mann von Welt trug ein messerscharf gefaltetes Leinentuch in seiner Brusttasche. Der echte Gentleman brauchte deren drei. Denn ein Tuch, in das man sich zuvor lautstark geschnäuzt hat, seiner Begleitung anzubieten oder sich damit die Brille zu putzen wäre unhöflich gewesen. Das außen in der Tasche stolz präsentierte Tuch wurde für derlei profane Zwecke natürlich nicht benutzt. Und so kam die Farbenvielfalt, die beim Taschentuch nur den Dreck verbergen sollte, beim Einstecktuch als dekoratives Element zurück. Nur absolute Puristen englischer Kleidungskultur bevorzugen immer noch das schmale Rechteck aus gestärktem Leinen. Auf breiter Front wurde es inzwischen vom farbigen Einstecktuch aus Seide abgelöst.
Da die Taschentücher nicht mehr gezeigt wurden, wurden sie wieder schlichter. Zudem ward das etwas raue Leinen inzwischen von der preisgünstigen und pflegeleichten Baumwolle abgelöst worden, bis das Aufkommen des Papiertaschentuchs dem Stofftaschentuch endgültig den Garaus machte. Und doch: Noch heute gibt es genügend selbsternannte Stil-Experten, die darauf beharren, Papiertücher seien stillos und nur ein leinenes Stofftaschentuch angemessen. Nun, womit Sie sich schnäuzen, bleibt Ihnen überlassen. Aber ein elegantes Einstecktuch in der Brusttasche ist inzwischen ein Muss. Auch wenn es keine praktische Funktion mehr hat.