Taschentücher – Einstecktuch.com
Manchmal haben die dekorativsten Dinge die einfachsten Ursprünge. Was heute als elegantes Accessoire aus der Brusttasche ragt, hat seinen Ursprung in praktischen Erfordernissen. Das gute alte Einstecktuch ist aus dem Taschentuch hervorgegangen.
Bereits ab dem 15. Jahrhundert galt es als unfein und bäuerlich, sich in den Ärmel oder die Hand zu schnäuzen. Der Adel griff daher zum Taschentuch. Dies war allerdings ein edler Luxusartikel. Vor allem das für seinen Reichtum und seine Weltläufigkeit bekannte Venedig wurde zum Umschlagspunkt für das edle Gut. Oft reich verziert oder aus edler Spitze gewirkt, wurde es gut sichtbar in der Hand getragen.
Verbreitung in weiteren Bevölkerungskreisen fand das Taschentuch erst, als die Industrialisierung (vor allem die Erfindung des mechanischen Webstuhls) es ermöglichte, günstig Stoffe in großer Menge herzustellen. Was zuvor das Privileg weniger Adeliger war, wurde zum Alltagsgegenstand.
Erst als sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Herrenmode grundlegend wandelte, verschwand das Tuch in der Tasche - daher auch der Name Taschentuch. Romantische Empfindsamkeit brachte allerdings auch Scharen von jungen Männern dazu, sich das Knopfloch mit dem Taschentuch der fernen Geliebten zu schmücken, eine Schmuckfunktion, die dem heutigen Einstecktuch schon recht nahe kommt. Auch die Damen selbst kokettierten gern mit dem oft bestickten Liebespfand, dass sie dem Herrn ihres Herzens in die Hand drückten. Gern waren diese Taschentücher parfümiert.
Der klassische Gentleman vergangener Tage musste stets mindestens drei verschiedene Tücher mit sich herumtragen. Eines, um sich bei Bedarf den Schweiß abzutupfen oder seine Brille polieren zu können. Das trug er außen in der Brusttasche. Eines in der Innentasche, um sich zu schnäuzen, vor allem auch nach dem zu jener Zeit sehr beliebten Genuss von Schnupftabak. Und ein sauberes weißes Leinentuch, um es im Bedarfsfall seiner Tischdame anbieten zu können. Eine willkommene Flirtgelegenheit, denn somit hatte man einen Grund, die betreffende Dame am nächsten Tag aufzusuchen, um sein Eigentum - hoffentlich frisch gewaschen und gebügelt - wieder abzuholen. Um die Tücher nach der Wäsche identifizieren zu können, wurden sie mit oft kunstvollen Monogrammen versehen.
Der Niedergang kam, als 1894 der Göppinger Papierproduzent G. Krum ein Taschentuch zum Patent anmeldete. Es bestand aus Papier, das mit Glycerin getränkt wurde, um es weich zu halten. Später wurden die Tücher aus weichem Zellstoff hergestellt. Das Tuch, das nach Gebrauch entsorgt wurde, kam dem gewachsenen Bedürfnis der Bevölkerung nach mehr Hygiene entgegen. Ein benutztes Stofftaschentuch mit sich herum zu tragen, galt plötzlich als unsauber.
Und doch: ganz verdrängen konnte das Papiertaschentuch seine Kollegen aus Stoff nicht wirklich. Denn ein gebügeltes Taschentuch aus weißer Baumwolle oder Leinen, am besten noch mit den Initialen des Besitzers versehen, hat einfach mehr Stil als ein schnell hervor gezogenes Stück Zellstoff. Gerade Anhänger der klassischen Herrenmode schwören auf das kleine Stück Stoff. Die Meinungsverschiedenheit zwischen Gegnern und Anhängern des Stofftaschentuchs wird oft mit dem Fanatismus von Glaubenskriegen ausgetragen.
Ein Gutes hatte die Entwicklung des Taschentuchs aber zweifelsfrei. Nun, wo das Tuch in der Brusttasche nicht mehr zum Schnäuzen benötigt wurde, konnte man es in dekorativer Seide herstellen. Eine praktische Funktion übt es dann zwar nicht mehr aus. Aber es sieht extrem elegant aus.
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