Einstecktücher aus Leinen
Hätte man vor wenigen Jahrzehnten einen Mann von Welt gefragt, aus welchem Material ein Einstecktuch besteht, so hätte er meist, ohne mit der Wimper zu zucken, geantwortet: aus Leinen, natürlich.
Das strapazierfähige Gewebe aus der Faser der Flachs-Pflanze galt über Jahrzehnte als das optimale Material für praktische Ausrüstung. Schon seit dem späten Mittelalter wurde es zu Bettwäsche und Handtüchern verarbeitet. Kratzig, zweifelsohne, aber günstig und robust. Denn für eine Pflanzenfaser lässt sich Leinen überraschend gut verarbeiten. Zudem ist Leinen schmutzabweisend, manchen Studien zufolge tötet es sogar Bakterien auf seiner Oberfläche ab.
Leinen ist heute noch ein beliebter Stoff insbesondere für Sommerbekleidung. Denn es kann enorm viel Feuchtigkeit aufnehmen, gibt diese aber auch schnell wieder ab und wirkt so kühlend. Da es von Natur aus wenig elastisch ist, muss man es auch nicht stärken. Leider neigt es zum Knittern, weshalb sich Leinen in der klassischen Mode nicht wirklich durchsetzen konnte. Und doch: ein leicht beigefarbenes Leinensakko im Knitter-Look gehört zum lässigsten, mit dem man auf einer Gartenparty punkten kann.
Leider ist Leinen ausgesprochen schwer gleichmäßig zu färben. Seine Faser nimmt Chemikalien nur schwer an. Deshalb wird es oft nur gebleicht. Doch nicht nur für Kleidung findet der pflanzliche Rohstoff Verwendung. Nicht nur, dass es einer der beliebtesten Stoffe für Bucheinbände ist, die Faser gab auch einem Material den Namen, ohne das unsere gesamte Kunstgeschichte nicht denkbar wäre: Leinwand.
Was lag näher, als dass das Gewebe auch für Taschentücher eingesetzt wurde? Als das Taschentuch langsam in der Unsichtbarkeit verschwand und das Einstecktuch an seine Stelle trat, wurde das kleine Stück gefaltetes weißes Leinen für den stilbewussten Gentleman schnell zum absoluten Muss. Denn es hat Volumen, sitzt wie gestärkt und behält messerscharfe Kanten. Das machte es besonders geeignet für klassische Rechteckfaltungen. Zudem - und da zeigt es wieder seine Herkunft aus dem Taschentuch - konnte man damit gut seine Brille polieren oder sich den Schweiß abwischen. Für so prosaische Aufgaben wie das Schnäuzen wurde das schmucke Tuch natürlich nicht mehr herangezogen.
Nun, zu derartigem dient ein Einstecktuch heute eher selten. Nicht zuletzt auch deshalb, weil es nicht ganz einfach war, das gute Stück unterwegs nach Gebrauch wieder so kunstvoll in der Tasche zu drapieren, wie man es zuvor vor dem Spiegel getan hatte. Heutige Einstecktücher sollen vor allem eines: gut aussehen. Im selben Maße, wie für Handtücher und Bettwäsche Leinen von der weicheren und noch günstigeren Baumwolle abgelöst wurde, musste es beim Einstecktuch der eleganteren Seide Platz machen.
Und doch: unter Puristen der klassischen Savile-Row-Kultur hat das Einstecktuch aus Leinen immer noch seine Nische. Und seien wir mal ehrlich: zur klassischen blau-roten Regimentskrawatte und dem dunkelblauen Nadelstreifenanzug ergibt nur ein Leinentuch den klassischen britischen Look.
Ansonsten bietet die heutige Herrenmode mit bedruckten und gewebten Seidentüchern sehr viel mehr Abwechslung. Die tragen in der Tasche nicht so stark auf und lassen sich variabler falten.
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