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Baumwolle

Einst war Leinen der König der Stoffe, wenn es um Gebrauchswäsche ging. Ob Bettzeug oder Handtuch, Tischdecke oder Hemd, alles wurde aus der strapazierfähigen Faser der Flachs-Pflanze hergestellt. Nun, heute fristet es eher ein Nischendasein. Grund dafür ist das Aufkommen eines Stoffes, der die Textilindustrie revolutionierte: Baumwolle.

Als leichtes, temperaturausgleichendes Gewebe war Baumwolle vor allem in den wärmeren Regionen der Erde verbreitet. Bereits vor etwa 12 000 Jahren soll den Ägyptern die Baumwollverarbeitung geglückt sein. Im alten Babylon galt der Stoff als "Weißes Gold".

In Indien wird Baumwolle seit etwa 3000 Jahren gezielt angebaut, wenn man der alten vedischen Literatur Glauben schenken darf. Griechische Reisende wie der Geschichtsschreiber Herodot waren begeistert von der mysteriösen Faser, "die die Schönheit und Qualität der Schafwolle weit übertrifft." Das Luxusgut Baumwolle war noch bis ins 16. Jahrhundert hinein ein Luxusgut, das teurer gehandelt wurde als Seide. Das lag auch an dem enormen Arbeitsaufwand, der zur Herstellung von Baumwollfäden nötig war. Zentrum der Produktion war immer noch Indien, von wo aus die Briten als spätere Kolonialmacht den Stoff nach England mitbrachten. Erst 1750 gelang es englischen Webern, Baumwollgewebe herzustellen, die einigermaßen mit den indischen Stoffen mithalten konnten.

Auch die Vereinigten Staaten von Amerika sprangen auf den Baumwoll-Zug auf - und begannen damit eines der düstersten Kapitel ihrer Geschichte. Denn der Anbau kurzstapliger Baumwolle in dem eher ungeeigneten Klima lohnte sich eigentlich nicht wirklich - es sei denn, man ließ ihn von Sklaven durchführen. Nicht nur, dass der Baumwollanbau binnen kürzester Zeit auf ein Vielfaches seiner bisherigen Ausmaße anwuchs und die "klassischen" Güter wie Tabak und Reis verdrängte, auch die Zahl der dabei eingesetzten Sklaven stieg exponential an.

Doch der neue Stoff hatte Vorteile. Er war leicht, einfach zu reinigen und gut zu färben. Binnen kürzester Zeit wurde Leibwäsche fast nur noch aus Baumwolle gefertigt. Auch klassische Hemden, wie sie zu jedem Business-Outfit gehören, sind im Normallfall aus Baumwollgewebe. Diese marktbeherrschende Stellung behielt die Faser lange bei. Erst 2004 lag erstmals der Anteil künstlicher Fasern an der Textilproduktion höher als der von Baumwolle.

Einstecktücher aus Baumwolle hatten es anfangs schwer. Sie waren nicht so steif wie Leinen, glänzten nicht so schön wie Seide. Aber als Taschentuch waren sie ausgesprochen praktisch. Noch heute werden Stofftaschentücher fast ausschließlich aus Baumwolle gefertigt. Meist wurden sie farbig umsäumt, oft auch mit Monogrammen versehen. Noch heute, allem Siegeszug des Papiertaschentuchs zum Trotz, gibt es genügend Männer, die auf das Stück Stoff in der Tasche schwören.

Damit wurde die Brusttasche aber frei für mehr Eleganz. Schimmernde Seidentücher mit Paisleys, Streifen oder Tupfen ließen das Einstecktuch endgültig vom Gebrauchsgegenstand zum modischen Accessoire werden. Dies bedeutete aber auch das Aus für das baumwollene Einstecktuch. Nur in einer Nische hält es sich hartnäckig: Zum Frack passt ein Einstecktuch aus weißer Baumwolle besser als Seide. Denn die Fliege dazu ist traditionell aus Baumwollpiquee.


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